Ökosystemleistungen des Waldes: Erholungsfunktion erfassen & digitale Herausforderungen meistern
Die Professorin an der BOKU-University Ulrike Pröbstl-Haider schreibt in ihrem Kommentar für die Lichtung über die wissenschaftlichen Aspekte des Freizeitorts Wald.
„Und ich gehe in den Wald, um meinen Verstand zu verlieren und meine Seele zu finden.“ Dieses Zitat des Naturphilosophen John Muir (1838-1914) fasst die besondere Wirkung des Waldes auf den Menschen sehr anschaulich zusammen. Aktuelle Forschungsarbeiten bestätigen die unmittelbare, unwillkürliche Wirkung des Waldes in physiologischer und psychologischer Hinsicht. Darüber hinaus bietet der Wald Raum für waldspezifische und vielfältige Freizeitaktivitäten, vom Beerensammeln bis zum Biken. Das Konzept der Ökosystemleistungen sollte diese vielfältigen Leistungen des Waldes von der Produktion über den Wasserschutz bis hin zur Erholungsnutzung messbar machen. Im 2005 veröffentlichten Millenium Ecosystem Assessment wurde der nicht-materielle Nutzen definiert, den die Menschen aus Ökosystemen ziehen. Dabei ging es nicht nur um die Erfassung und Bewertung, sondern auch um eine ökonomische Quantifizierung dieser Leistungen. Seitdem wurde dieses Konzept weiterentwickelt und ausgebaut. So verfolgte die globale Initiative „The Economics of Ecosystems and Biodiversity, abgekürzt TEEB 2010, eine integrierte Betrachtung der ökonomischen Werte von Biodiversität und Ökosystemleistungen.
Verschiedene Klassifikationen
Auf Europäischer Ebene wurde darauf aufbauend im Rahmen des CICES-Projekts (Common International Classification of Ecosystem Services) eine neue Klassifikation erarbeitet, die etwas einfacher und praxisnäher aufgebaut ist und die Berücksichtigung des Wertes der Natur für Politik und Entscheidungsträger einfacher ermöglicht. Grundlage für all diese Ansätze sind jedoch detaillierte Daten zum Naturhaushalt, aber auch zur Erholungsnutzung sowie eine sozialwissenschaftliche Forschung. Allerdings wurde auch Kritik an der Sichtweise der Ökosystemleistungen laut, weil Biodiversität auch dann als wertvoll zu erachten sei, wenn sich daraus keine spezifische (monetär) messbare Leistung für den Menschen ableiten lässt. Darüber hinaus sollten auch Belange der Biodiversität und des Klimawandels stärker berücksichtigt werden können. Diesen erweiterten Ansatz verfolgt IPBES, ein unabhängiges internationales Gremium, das mit den Vereinten Nationen (UN) verbunden ist und mit dem Ziel gegründet wurde, politisch relevantes Wissen zur Verfügung zu stellen und die Umsetzung wissensbasierter politischer Maßnahmen zu fördern.
Herausforderung Erholung
Während die Forschung einerseits um neue Bewertungsmodelle und Klassifikationen ringt und andererseits die Politikberatung verbessern möchte, haben sich die Herausforderungen im Bereich der Erholung extrem erhöht. Erfahrungen im Zusammenhang mit der Pandemie und den Extremereignissen durch den Klimawandel mit städtischen Hitzeperioden führte und führt die wachsende Bedeutung des Waldes für die Erholungsnutzung vor Augen. Eine Zunahme der Besuche in Schutzgebieten, ländlichen Räumen und Wäldern auch oder geradein peripherer Lage, wurde weltweit beobachtet. Aus europäischen Schutzgebieten wissen wir, dass das extrem hohe Besuchsniveau zurückgegangen ist, die Besuchsrate jedoch immer noch höher ist als zuvor und abgelegene Gebiete in Kernzonen von Schutzgebieten – aus ökologischer Sicht – mehr Besuch erhalten, als sie vertragen. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass die Besucherzahlen noch immer um rund 30 % höher liegen als vor der Pandemie. Neue Trends, begünstigt durch die Digitalisierung, wie Mikroabenteuer, Geocaching und zahlreiche neue Outdoor- und Fitness-Apps, führen zu einer herausfordernden Situation für das lokale Management. Studien zeigen zudem, dass die Erholungssuchenden häufig digitalen Hilfsmitteln mehr vertrauen als analogen Informationen. Überfüllung, neue Besucherprofile, problematisches Verhalten und Konflikte zwischen verschiedenen Nutzergruppen, mit Naturschutzzielen und Wildtierschutz sind daher zu bewältigen. Die veränderte Zusammensetzung der Erholungssuchenden stellt bereits heute für die Manager, Ranger und Sicherheitseinrichtungen, wie die Bergwacht, eine zusätzliche Herausforderung dar. So ist 2024 die Anzahl an tödlichen Unfällen nach Angaben des Österreichischen Kuratoriums für alpine Sicherheit weiter gestiegen. Insgesamt kamen beim Wandern, Skifahren, Mountainbiken oder Klettern 309 Menschen ums Leben.
Neue Wege
Die Digitalisierung erschließt der Erholungsplanung und dem forstlichen Management aber auch neue Steuerungsmöglichkeiten, Datengrundlagen und Quellen. Studien zeigen, dass Daten von Fitness-Apps, der Mobiltelefone oder aus Bildbeschreibungen und Blog zukünftig neue Möglichkeiten zur Ableitung von Ökosystemleistungen von Wäldern bieten können. Das forstliche Management wird daher noch anspruchsvoller und setzt künftig gute Datengrundlagen voraus.
Der Artikel ist in der Lichtung 15 erschienen, kostenlos erhältlich im Webshop des BFW.
