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Mit dem Kopf im Himmel und den Füßen auf dem Boden

Als die Forstliche Versuchsanstalt im Wald hinter dem Schloss Schönbrunn einen neuen Platz fand, startete ein modernes Unternehmen auf historischem Gelände. Parallel dazu blieb das „Original“ Mariabrunn bis 2015 bestehen.

Am 19. Juni 1951 erhielt die Schlosshauptmannschaft den Auftrag, aus den Mitteln des ERP (European Recovery Programm), kurz Marshall-Plan, eine Versuchsanstalt zu entwerfen und zu errichten. 1953 fand die Gleichenfeier und 1957 die Schlüsselübergabe statt. Unter den Ehrengästen war auch der kürzlich zuvor geweihte Wiener Erzbischof Franz König, der dem forstlichen Vorzeigeprojekt seinen Segen gab. Die Innenausgestaltung entsprach dem neuesten Stand der Technik. Sie wurde vom Leiter der Forstlichen Forschungsanstalt Schwedens und FAO-Experten Manfred Näslund gemeinsam mit dem aus Deutschland stammenden Architekten Wilhelm Legler in zweijähriger Arbeit entwickelt.

Dass die Forstwirtschaft mehr Ressourcen bekommen sollte, war bereits ab 1948 zu verzeichnen. Waren es drei Jahre nach dem zweiten Weltkrieg nur 7, so war man im Laufe der 50er-Jahre bereits auf 52 akademische Mitarbeitende angewachsen. Diese Zahl steigerte sich in den darauffolgenden Jahren kontinuierlich. In Schönbrunn eine Forstakademie – in Anlehnung an die Akademie der Wissenschaften – für Wald zu etablieren, blieb zwar eine Vision, macht aber deutlich, wie man sich fachlich definieren und künftig entwickeln wollte – zu einer zeitgemäßen Forschungsanstalt im Dienste des wirtschaftlichen Aufschwungs.

1965 wurde das Kontaktkomitee ins Leben gerufen, ein fachlicher Austausch zwischen den verschiedenen Teilbereichen des Forstsektors, Vorläufer des heutigen Fachbeirates. In Mariabrunn verblieben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Abteilungen Ertragskunde-Bestandeserziehung und Forstpflanzenzüchtung u.a. Man kooperierte in den sechs Jahrzehnten eng miteinander, betrieb die Versuchsgärten in Mariabrunn und Tulln, auch die historischen Objekte wie Messgeräte, Werkzeuge und eine Xylothek waren im dort eingerichteten Forstmuseum untergebracht. In den 90er-Jahren erfolgte die notwendige Sanierung des Gebäudes, schließlich übersiedelte das Personal des Instituts für Forstgenetik endgültig nach Schönbrunn. Man war wieder zusammengewachsen.

Ein Polyhistor im Ruhestand

Heinrich Melzer, langjähriger Mitarbeiter und Erneuerer des Versuchsgartens Mariabrunn war eines der „Urgesteine“ des Forstlichen Versuchswesens. Der Forsthistoriker Herbert Kilian bezeichnet ihn in den BFW-Mitteilungen 1974 als einen Polyhistor oder universell gebildeten Fachmann, „wie man ihn in der heutigen Zeit kaum noch findet“. Er erlebte noch die spärliche Beleuchtung mit Petroleumlampen in den Büros von Mariabrunn, während die Privathäuser der Umgebung bereits an das Stromnetz angeschlossen waren. Mit Gas betrieb er die Brutschränke im Saatgutlabor. Sein Verdienst war es, die Abteilung Waldbau mit den Bereichen Aufforstung, Waldpflege und vor allem die Forstsamenkunde aufzubauen.

Als seine aktive Zeit zu Ende ging, fand am 19. Dezember 1958 im Festsaal unter der Leitung des damaligen Leiters Hofrat Dipl. Ing. Josef Pockberger e.h. (Anm.: gebräuchliche Abkürzung des österreichischen Amtsgebrauchs für ehrenhalber, was bedeutet, dass das Original eigenhändig unterschrieben wurde) die Verabschiedung statt. Pockberger dankte Melzer für seinen langjährigen Einsatz, der in der wechselvollen Geschichte der Versuchsanstalt für die entscheidende Kontinuität gesorgt habe. Auf dem Briefkopf der Einladung stand noch die damalige Anschrift Forstliche Bundesversuchsanstalt Mariabrunn in Schönbrunn, die Adresse XIII/89, Oberer Tirolergarten, die Telephonnummer: 82 36 38. Ein gemütliches Beisammensein fand anschließend im Speisesaal statt. Jubiläen, Festakte, auch Faschingsfeste und Sportwettbewerbe hatten seit jeher, bis heute noch – wenn auch im Wandel der Zeit begriffen –, einen hohen Stellenwert am Haus. Sie fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl und den Teamgeist.

Tätige Frauen der 50er-Jahre

Auch Betriebsausflüge wurden bereits um die Wende des 20. Jhdts zu Zeiten eines anderen „Urgesteins“, Leiter Josef Friedrich, organisiert. Ein Foto zeigt ihn in einer Runde auf dem Tennisplatz. Ob die Frauen auf dem Bild Kolleginnen oder die Ehefrauen waren? Fest steht, dass Frauen im Versuchswesen einen unschätzbaren Beitrag geleistet haben. Bis heute ist ihr Einfluss häufig nicht in Zahlen zu fassen oder zuordenbar. Sie waren nicht nur in der Verwaltung oder im hauswirtschaftlichen Bereich beschäftigt, sondern auch in technischen Bereichen wie der Rechenkette, eine frühe Form der Datenverarbeitung, im Labor oder in der Auswertung der Forstinventur. Fachliche Vorreiterinnen und Expertinnen heißen ab den 50er-Jahren Anna Czell (Bodenkunde), Friederike Göbl (Anzuchtverfahren), Else Jahn (Forstschutz), Christiane Lumbe (Schadstoffanalyse), Helga Lippay (Schadstoffanalyse), Irmentraud Neuwinger (Bodenkunde), Lieselotte Niklas (Waldbau), Anna Sinreich (Forstschutz) u.a. Auch die Produktion von Forstpflanzen in den Versuchsgärten erforderte einen intensiven Arbeitseinsatz, wo Frauen häufig auf den Bildern auszumachen sind. Ihre Geschichten sind noch zu erzählen.

Arbeiten in ökologischen Lebensräumen

1996 wurden 186 ha Kernzone und 261 ha Pufferzone von Schönbrunn in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Dazu gehört auch das Areal, auf dem sich das Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) befindet. Zudem ist der Schlosspark Schönbrunn im Westen Wiens Teil des „Landschaftsschutzgebietes Hietzing,Teil C“, das vom westlichen Wienerwald bis nach Schönbrunn verläuft. Der Park erfüllt in diesem Schutzgebiet die Funktion eines Trittsteinbiotops, also der Vernetzung von Lebensräumen. Das an das BFW angrenzende Areal südlich der Gloriette ist ein geschütztes Biotop. Liegendes und stehendes Totholz bietet hier der städtischen Fauna ein besonderes Habitat. In diesem Bereich leben seltene Tierarten, wie Äskulapnattern, Totholzkäfer, Brutvögel wie Hohltauben, Mittelspecht und Kernbeißer, Fledermausarten, wie die Kleine Bartfledermaus, die Rauhhautfledermaus, der Abendsegler, die Breitflügelfledermaus und das Graue Langohr. Auch Zauneidechsen, Mauereidechsen, Springfrösche, Erdkröten und Teichmolche leben im Park. Säugetieren wie Wald- und Gelbhaselmaus, Eichhörnchen, Steinmarder, Fuchs, Dachs, Igel und Wanderratte begegnet man hier. Auch die Forstliche Versuchsanstalt im Kloster Mariabrunn war in ihrer Geschichte ein besondere, denkmalgeschützte Arbeitsstätte, im Augebiet zwischen Wienfluss und Mauerbach gelegen, einem Hotspot der Artenvielfalt im Überschwemmungsgebiet. Das prachtvolle Arboretum mit exotischen Baumarten und der Versuchsgarten mit der Forstpflanzenproduktion wurden bis zuletzt betrieben.

Quellen: Brigitte Mang über historische Gärten & Stadtökologie, abrufbar unter https://info.bml.gv.at & www.haup.ac.at