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„Für mich ist der Wald wie eine eigene Welt – eine Parallelwelt voller Leben, die wir oft garnicht wahrnehmen.“

Christa Kummer lehnt an einem Holzstoß.

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Ein Gespräch mit der Geowissenschafterin und Wissenschaftskommunikatorin Christa Kummer über Bioökonomie, die Prägung ihre Berufswahl und ihre tiefe Verbundenheit mit dem Wald.

Lichtung: Sie waren lange das vertraute Gesicht fürs Wetter. Wie sehr prägt dieser Blick auf Natur und Klima heute noch Ihre Sicht auf den Wald?

Christa Kummer: Mein Blick auf Natur sowie Wetter und Klima prägt mich bis heute – und damit auch meine Sicht auf den Wald. Jahrzehntelang habe ich Wetterphänomene erklärt, Klimatrends beobachtet und ihre Auswirkungen gesehen. Wenn ich heute durch den Wald gehe, sehe ich nicht nur Bäume, sondern ein sensibles System, das auf jede Veränderung reagiert: Der Wald ist für mich ein Spiegel unseres Klimas und ein Hoffnungsträger: Ihn verstehen heißt ihn schützen, sowie für die nächsten Generationen zu gestalten.

Wenn Sie sich zurückerinnern: Was war das auslösende Moment für Ihre Studiums- und Berufswahl?

Das auslösende Moment war meine tiefe Neugier: Ich wollte verstehen, wie unsere Welt funktioniert – nicht nur naturwissenschaftlich, sondern auch philosophisch. Schon als Kind habe ich stundenlang in der Natur verbracht und mich gefragt, warum Dinge so sind, wie sie sind – vor allem Steine. Diese Kombination hat mich zu den Geowissenschaften und zur Theologie geführt – zwei scheinbar gegensätzliche Welten, die für mich perfekt zusammenpassen. Denn Zukunft braucht Wissen und Haltung.

Wie häufig sind Sie im Wald – und was überrascht oder berührt Sie dort?

Ich bin sehr oft im Wald, da wir auch ein klein wenig Wald besitzen. Der jahreszeitliche Wechsel und wie rasch das Jahr vergangen ist.

Viele reden von Bioökonomie, wenige wissen genau, was dahintersteckt. Wie würden Sie das Konzept jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?

Bioökonomie klingt kompliziert, ist aber eigentlich ganz einfach: Es bedeutet, unsere Wirtschaft stärker auf biologische Ressourcen auszurichten – und der Wald spielt dabei eine Schlüsselrolle. Holz ist nicht nur ein Baustoff, sondern ein Alleskönner, er ersetzt heute Plastik, Beton und sogar fossile Rohstoffe. Aus Reststoffen wie Sägespänen entstehen Papier, Textilien oder Biokunststoffe, und Biomasse liefert erneuerbare Energie. Das Ziel ist klar: Wälder nachhaltig bewirtschaften, Kreisläufe schließen und somit das Klima schützen. Kurz gesagt: Der Wald wird zum Motor einer klimafreundlichen Wirtschaft – ohne ihn auszubeuten, sondern im Einklang mit Natur und Zukunft.

Wo begegnet Ihnen Bioökonomie ganz praktisch im Alltag – vielleicht sogar ohne dass Sie es merken?

Bioökonomie begegnet uns im Alltag viel öfter, als wir denken – oft ganz unbemerkt. Wenn wir in einem Holzhaus wohnen, Papierprodukte nutzen oder Kleidung aus Naturfasern tragen, sind das Beispiele für biobasierte Materialien. Auch Verpackungen aus Karton statt Plastik, Kosmetik mit pflanzlichen Inhaltsstoffen oder Biokraftstoffe im Tank gehören dazu. Selbst innovative Produkte wie biologisch abbaubare Folien oder Möbel aus recyceltem Holz sind Teil der Bioökonomie. Kurz gesagt: Immer dann, wenn wir fossile Rohstoffe durch nachwachsende, nachhaltige Alternativen ersetzen, leben wir Bioökonomie – ohne es bewusst wahrzunehmen

Wälder erleben gerade große Veränderungen: Trockenheit, Schädlinge, Stürme. Was trifft Sie persönlich am stärksten?

Was mich persönlich am stärksten beschäftigt, ist die zunehmende Trockenheit. Unsere Wälder leiden unter Wassermangel, die Kronen werden lichter, und das macht sie anfälliger für Schädlinge wie den Borkenkäfer. Stürme verstärken diesen Teufelskreis zusätzlich. Aber es gibt auch eine erfreuliche Entwicklung: Der heimische Mischwald zeigt eine erstaunliche Regenerationskraft. Er passt sich an, wächst stabiler und entwickelt sich auffällig gut. Das gibt Hoffnung – und zeigt, wie wichtig es ist, Vielfalt im Wald zu fördern, um ihn klimafit zu machen.

Wenn wir über die Zukunft sprechen: Welche Innovationen aus Holz oder anderen Naturmaterialien finden Sie besonders spannend?

Mich faszinieren vor allem Innovationen, die Holz und andere Naturmaterialien völlig neu denken. Zum Beispiel Hightech-Holzwerkstoffe, die Stahl und Beton im Bau ersetzen – leicht, stabil und klimafreundlich. Oder Verpackungen aus Holzfasern statt Plastik, die biologisch abbaubar sind. Auch Textilien aus Zellulose oder Möbel aus recyceltem Holz zeigen, wie vielseitig dieser Rohstoff ist. Besonders spannend finde ich Holz in der Energie- und Chemiebranche: Aus Reststoffen entstehen Biokraftstoffe oder sogar biobasierte Kunststoffe. Das zeigt: Naturmaterialien sind nicht nur traditionell, sondern echte Zukunftstechnologien.

Wie kann man Menschen emotional abholen, damit sie den Wald nicht nur schön finden, sondern auch verstehen, wie wichtig er ist?

Der Wald ist mehr als nur schön – er ist Lebensgrundlage, Klimaschützer und Rückzugsort zugleich. Um Menschen emotional zu erreichen, müssen wir Geschichten erzählen: über die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, und die Artenvielfalt, die uns umgibt. Wenn wir begreifen, dass jeder Baum Kohlenstoff speichert, Schatten spendet und Lebensraum bietet, entsteht eine Verbindung. Ich lade Menschen ein, den Wald nicht nur zu sehen, sondern zu fühlen – seine Ruhe, seine Kraft, seine Bedeutung für unser Überleben. Wer das spürt, versteht: Der Wald ist nicht Luxus, sondern Zukunft.

Gibt es einen Baum oder einen Ort im Wald, der für Sie eine besondere Bedeutung hat?

Für mich ist der Wald wie eine eigene Welt – eine Parallelwelt voller Leben, die wir oft gar nicht wahrnehmen. Während wir auf den Wegen spazieren, passiert um uns herum ein faszinierendes Zusammenspiel: Tiere kommunizieren, Pflanzen reagieren auf Licht und Wasser, und der Wald spricht seine eigene Sprache – leise, aber kraftvoll. Das Rascheln der Blätter, das Knacken der Äste, der Duft von Moos – all das erzählt Geschichten von Anpassung und Überleben. Wenn wir uns Zeit nehmen, diese Sprache zu hören, spüren wir, wie wichtig der Wald für unser Leben ist. Er ist nicht nur schön, er ist unser Partner für die Zukunft.

Wenn Sie den Menschen einen einzigen Satz über den Wald mitgeben könnten, welcher wäre das?

Der Wald ist nicht nur Kulisse – er ist Lebensquelle. Wenn ich den Menschen einen Satz mitgeben könnte, dann wäre es: ‚Hört die Sprache des Waldes – sie erzählt von Leben, das uns trägt.‘ Denn wer den Wald versteht, schützt ihn.

Zur Person

Christa Kummer-Hofbauer ist eine österreichische Fernsehmoderatorin, Hydrogeologin und Klimatologin. Sie studierte Geografie, Wirtschaftskunde und Katholische Theologie an der Universität Wien und schloss 1988 mit dem Magister sowie 1993 ihr Dissertationsstudium mit Schwerpunkt Geochemie und Geophysik ab. Zunächst arbeitete sie als AHS-Lehrerin und leitete Fortbildungen
für Lehrer:innen. 1994 trat sie in die ORF-Wetterredaktion ein und schrieb Fernsehgeschichte: Seit März 1995 präsentierte sie als erste Frau in Österreich das Wetter im ORF. Über drei Jahrzehnte moderierte sie Livesendungen, engagierte sich in wissenschaftlichen Projekten, hielt Vorträge zu Klima- und Wetterthemen und moderierte 2017 die Verleihung des Österreichischen Klimaschutzpreises. 2021 startete sie die Nachhaltigkeitsplattform fit4future. Im September 2025 moderierte sie zum letzten Mal das Wetter nach der „Zeit im Bild“.
www.christakummer.at

Das Interview ist in der Lichtung 16 mit dem Schwerpunkt Bioökonomie erschienen und im Webshop des BFW kostenlos als PDF oder Print-Exemplar erhältlich: https://shop.bfw.ac.at/startseite/lichtung-16.html