Skip to content
CLICK TO ENTER

„Warum sind die ressourcenschonendsten Äpfel nicht die billigsten?“

Katharina Rogenhofer organisierte mit zwei Freunden die Fridays4Future-Bewegung in Österreich. Im Interview mit der BFW-Lichtung zeigt sie auf wie ein Diskurs zur Klimaerwärmung geführt werden könnte.

Lichtung: Die Forstwirtschaft kann sehr viel zum Klimaschutz-Diskurs beitragen. Wie wird dieser Beitrag wahrgenommen?
Katharina Rogenhofer: Ich habe Naturschutz mit Fokus auf Biodiversität studiert. Da geht es viel darum, wie man Natur- und Lebensräume mit speziellen Arten schützt und erhält. Gerade über das Klimavolksbegehren war ich viel mit der Forstwirtschaft konfrontiert und sehr positiv überrascht, was da alles etwa zum Thema „Wald der Zukunft“ oder Durchmischung mit Laubholzarten passiert. Genau um das geht’s. Wir müssen einen durchmischten Wald schaffen, der resilient (stark gegen Risiko-Ereignisse, Anm.) genug ist. Es geht um nachhaltige Nutzung. Ich denke, es muss von beiden Seiten ein Verständnis dafür geben, dass, wenn wir über die Klimakrise reden, wir uns weg von fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien orientieren müssen. Da ist nachhaltige Waldnutzung ein wahnsinnig wichtiges Thema.

Lichtung: Es gibt immer noch bestimmte Bilder, die diesen Diskurs erschweren. Was bräuchte es da, um diesen aufzubrechen?
Katharina Rogenhofer: Ich denke, bei der Land- und Forstwirtschaft braucht es mehr menschliche Geschichten. Viele Menschen verlieren den Bezug zur Land- und Forstwirtschaft sowie zur Natur allgemein. Für manche ist der Naturraum nur mehr eine Kulisse, wenn sie zum See spazieren und wieder zurück. Wenn sie dann sehen, dass Holz geschlägert wurde, dann wird das oft undifferenziert wahrgenommen, weil es keine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Nutzung des Waldes gibt. Die Forstwirtschaft weiß schon lange, dass es mit der Erwärmung noch viel schlimmer wird, dass es mehr Borkenkäferbefall und Windwürfe geben wird. Gerade jetzt liegt tonnenweise Holz in unseren Wäldern, das nicht verwendet und verkauft werden kann. Diese Geschichten muss man erzählen, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Wir brauchen Naturräume, aber auch eine nachhaltige Waldnutzung, gerade für die Rohstoffnutzung, Baustoffe und Wärme.

Lichtung: In dem Klimavolksbegehren, an dem Sie gerade arbeiten, steckt auch Idealismus dahinter. Man steht ständig vor der Gewissensfrage, wie man leben soll. Haben Sie ein Rezept?
Katharina Rogenhofer: Erstens möchte ich mich vom Perfektionismus verabschieden. Mit 16 habe ich das erste Mal meinen CO2-Fußabdruck berechnet und es ist rausgekommen, dass ein großer Teil Fleisch und tierische Produkte sind. Das konnte ich relativ leicht weglassen, da hatte ich schon relativ viel gemacht. Dann ist dazugekommen, dass ich in England studiert habe, wodurch sich die Frage gestellt hat, ob ich dorthin fliege oder mit dem Zug fahre. Ich habe mich dann für den Zug entschieden, was viel länger dauert und viel teurer ist. Man versucht richtig zu leben und immer besser zu sein und stößt an Grenzen. Es hat mir aufgezeigt, dass es eine größere Instanz gibt, die es einem möglich machen könnte, nämlich die Politik. Wenn klimafreundliches Handeln die Norm wäre und ich mich für das Klimaschädigende entscheiden müsste, dann wäre es viel einfacher, als wenn ich mich für das Klimafreundliche entscheiden muss und das Klimaschädigende die Norm ist. Wenn ich auf dem Land lebe und auf das Auto angewiesen bin, dann braucht es keinen moralischen Zeigefinger. Die Landwirtschaft – und ich bin mir sicher in der Forstwirtschaft ist es ähnlich – bräuchte auch den Rahmen, wie sie zu produzieren hat. Dann muss das Produkt, das am Ende rauskommt, auch wettbewerbsfähig sein. Wenn ich sage, die Landwirtschaft muss CO2-neutral produzieren, am besten bio, am besten regional, und dann importieren wir Billigprodukte aus dem Ausland, kann ich nicht erwarten, dass die Bauern für das zusätzliche Geld aufkommen und begeistert sind. Da müssen wir schauen, unter welchen Regeln wir importieren, damit wir die heimische Land- und Forstwirtschaft fördern. Ich habe das Gefühl, dass da oft ein Gegeneinander im Diskurs ist. Im Klimaschutz braucht es ein Miteinander hin zum Klimafreundlichen.

Lichtung: Eine Forderung vom Klimavolksbegehren ist es, dass der Klimaschutz in der Verfassung verankert wird. In Österreich gibt es bereits einzelne gesetzliche Richtwerte, die aus der Zeit des Waldsterbens in den 80er-Jahren stammen, etwa im Bereich Luft-Emissionen. Das ist europaweit einzigartig. Wäre es sinnvoll, die politischen Bedingungen zu analysieren, um die Ergebnisse für das Klimavolksbegehren zu nutzen?
Katharina Rogenhofer: Aus dieser Vergangenheit kann man bestimmt lernen. Eigentlich machen wir das schon, zwar nicht explizit, aber wenn man sich das Pariser Klimaabkommen anschaut, haben wir gesagt, dass wir den Anstieg auf 1,5 Grad Celsius beschränken wollen. Dann steht uns nur mehr ein gewisses CO2-Budget zur Verfügung und damit haben wir diese Obergrenze. Die Forderung des Klimavolksbegehrens geht genau in diese Richtung. Das heißt, wir müssen jedes neue Gesetz, jedes neue Vorhaben daraufhin analysieren. Ich sehe da viel Potenzial, aber dieser politische Prozess ist nicht leicht zu steuern. Bezieht man da die Landwirtschaft mit ein? Wie berechnet man das, was aus dem Boden freigesetzt wird? Betrifft es nur die Industrie? Es ist sehr komplex, was nicht heißt, dass es nicht geht. Das Ziel ist auf jeden Fall, es so gut wie möglich pro Land, pro Sektor, pro Betrieb zu berechnen. Für mich wäre es wichtig, dass heimische Produkte billiger werden als Produkte, die einen großen C02-Abdruck haben. Sie müssen preislich konkurrenzfähig werden, damit Menschen sie attraktiv finden. Da braucht es Steuern- und Abgabenreformen. Wir wollen ja, dass klimafreundliches Handeln zur Norm wird.

Lichtung: Da wären wir bei der sozialen Gerechtigkeit einer CO2-Steuer. Ist es das Knock-Out-Kriterium?
Katharina Rogenhofer: Es hat mich traurig gestimmt, dass die CO2-Steuer im Wahlkampf sehr oberflächlich behandelt wurde. Es gibt eigentlich schon sehr gute Steuerkonzepte. Eine Berechnung des Budgetdienstes durch Bruno Rossmann ergab, dass sie in Kombination mit einer Rückvergütung in Form eines Klimabonus die unteren zwei Drittel Einkommensklassen sogar entlastet.

Lichtung: Wie ist Ihre Strategie, mit Konzernen zu kooperieren? Die Gefahr besteht ja, dass man dazu beiträgt, Greenwashing zu betreiben.
Katharina Rogenhofer: Ich bin überzeugt, dass es einige Unternehmen gibt, die hier absolute Vorreiter sind und die sich auch Gedanken um klimafreundliches Wirtschaften machen. Ich bin jedoch jenen Konzernen gegenüber skeptisch, wo alle Geschäftsmodelle auf fossilen Brennstoffen beruhen. Wenn wir es ernst mit der Klimawende meinen, dann müssen wir raus aus fossilen Brennstoffen. Punkt. Also wirklich! Wenn manche Konzerne zeigen würden, dass sie innerhalb der nächsten paar Jahre ihr Geschäftsmodell umstellen, in Erneuerbare investieren würden, in Forschung, dann wäre das super, aber das muss sich erst weisen. Man muss auf die Ernsthaftigkeit von Aussagen schauen.

Lichtung: Gerade bei den halbstaatlichen Institutionen hätte die Politik einen großen Einfluss darauf.
Katharina Rogenhofer: Genau. Ich sehe da eine große Verantwortung. Österreich ist ein großer Shareholder – entweder macht man Einfluss geltend und fordert genau das, nämlich ein Umschwenken und ein radikales Umdenken, oder man muss vielleicht sogar die staatlichen Gelder entziehen. Warum stecken wir unsere Gelder noch immer in nicht zukunftsfähige Technologien, wenn viele Investitionen in anderen Bereichen notwendig wären?

Lichtung: Haben Sie eine Idee, wie man einzelne Waldbesitzer*innen dazu motivieren kann, etwas für seinen Wald in Zeiten der Klimaerwärmung zu tun?
Katharina Rogenhofer: Wenn ich zum Beispiel eine Fichten-Monokultur habe, dann war für eine gewisse Zeit schon wirtschaftlich. Aber es macht jetzt Sinn, den Wald anders zu bewirtschaften. Das Schöne bei Förstern und Forstwirtinnen ist, dass sie die nächste Generation mitdenken. Es soll politische Rahmenbedingungen geben, die ihnen helfen, den Wald umzubauen.

Lichtung: Kommen wir zum Thema Vertrauen. Wir sind am BFW bemüht, Wissenschaft verständlich zu machen. Dadurch entsteht Transparenz. Unserer Meinung ist das ein wichtiger Faktor, der das Vertrauen in die Wissenschaft stärkt. Wie denken Sie darüber?
Katharina Rogenhofer: In Europa haben wir es noch relativ gut, denn die meisten Menschen vertrauen auf die Wissenschaft. Bei uns ist es nicht üblich, die Klimakrise zu leugnen, aber auch bei uns kommt schön langsam die Leugner-Propaganda durch. Davor habe ich Angst, muss ich sagen. Wir müssen klar dagegen vorgehen. Ich denke, dass viele Menschen mit den unterschiedlichen Botschaften überfordert sind: Einerseits muss man raus aus der fossilen Energie, andererseits wird gesagt, dass Wasserkraft die Biodiversität gefährdet ist und Windkraft die Vögel tötet. In beidem steckt ein bisschen Wahrheit. Aber es entsteht dadurch ein Wiederspruch, obwohl für alles bereits Lösungen existieren, die auf der Hand liegen. Ganz klar: Eine Windkraftanlage wird nicht in ein Vogel- oder Fledermausschutzgebiet gestellt zum Beispiel. Wir haben sehr viele andere Flächen, die für die Windkraftnutzung geeignet sind. Wir haben viele Flächen, auf denen man Photovoltaik bauen könnte. Wir haben einige Gebiete, wo Biomasse Sinn macht. Erneuerbare Energien sind besser als fossile, sie machen nur nicht überall Sinn. Es ist die Herausforderung, wie man solche Fragen ganzheitlich und in Bezug auf die Raumplanung beantworten kann. Der Konflikt ist auch in unserem Alltag präsent: Wenn ich in den Supermarkt gehe, frage ich mich, ob ich jetzt die Bio-Äpfel kaufen soll, die in Plastik eingepackt sind, oder doch lieber die losen Äpfel, die dafür nicht aus Österreich kommen? Was ist meine Entscheidungsgrundlage als „normaler Mensch“? Da braucht es eine Entscheidungsgrundlage und gute, differenzierte Information. Und, warum sind die klimafreundlichsten und ressourcenschonendsten Äpfel nicht die billigsten?

Die gesamte Lichtung 4 zum Thema Gestalten finden Sie im Webshop zum kostenlosen PDF-Download