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Wie man Vielfalt im Wald misst

Wenn BFW-Expertin Janine Oettel in Naturwaldreservaten unterwegs ist, dann sieht sie viel Totholz. Aber das ist nur einer von vielen Indikatoren für Biodiversität, die sie gemeinsam mit ihrem Team erhebt.

Viele Zahlen-Kombinationen ruft man sich hier im Naturwaldreservat in Baden an einem frühherbstlichen Tag zu. Ein Team von vier ExpertInnen machte sich zuvor auf den Weg, um an einem südwestlich gelegenen Hang der Stadt Biodiversität zu messen. Der Aufstieg zum Untersuchungsort dauert nicht lang und führt vorbei an Bäumen, die aus Gründen der Verkehrssicherheit am Rande des Weges umgeschnitten und liegen gelassen wurden, damit sie aufgrund ihrer Instabilität keine Gefahr für WaldbesucherInnen darstellen. Die letzten Meter werden etwas steiler. Die nächsten zwei Stunden verbringt man dort stehend in Schräglage, bevor man zum nächsten Erhebungspunkt weiterzieht. Es sind nicht nur hohe Wanderschuhe auf dieser Felderhebung gefragt.

25 Jahre Naturwaldreservateprogramm

Naturwaldreservate sind Gebiete, die von MitarbeiteInnen und Mitarbeitern des Bundesforschungszentrums für Wald betreut werden. Insgesamt gibt es 192 Reservate mit einer Fläche von insgesamt 8355 Hektar, quer über ganz Österreich verteilt. Im Rahmen dieses Programms, das heuer sein 25-jähriges Jubiläum feiert, verpflichten sich WaldbesitzerInnen, für einen vereinbarten Zeitraum die forstwirtschaftliche Nutzung ihres Waldes gänzlich zu unterlassen, um seine naturnahe Entwicklung wissenschaftlich zu begleiten, zu beobachten und zu dokumentieren. Insgesamt gibt es 118 natürliche Waldgesellschaften in 22 Wuchsgebieten die für das Naturwaldreservate-Programm relevant sind. Waldgesellschaften werden nach ihrer charakteristischen Artenzusammensetzung von Baumarten und Vegetation differenziert, die ökologisch und standortsbedingt auf einer bestimmten Fläche vorkommen. Dieses Fachgebiet in der Botanik hat man früher auch Pflanzensoziologie genannt.

Das Erhebungsteam im Schwarzkiefernwald

Das Team besteht aus einem Praktikanten der Forstwirtschaft, Michael Weichselbaumer, den zwei ForstwirtInnen – Gargi Tariyal und Martin Steinkellner – und der Biologin Janine Oettel, die sich auf Biodiversität spezialisiert hat. Sie packen ihre Instrumente aus – ein Tablet, um die Parameter für Biodiversität zu dokumentieren, ein Spiegelrelaskop zur Durchführung der Winkelzählprobe, ein Vertex für die Messung der Baumhöhen, ein Maßband, ein auf Brusthöhe eingekerbter Bergstock und eine Kluppe, um den Brusthöhendurchmesser oder BHD eines stehenden Baumes zu erheben. Die Winkelzählprobe ist eine der wichtigsten Methoden in der Forstwirtschaft, um etwa den Holzvorrat zu quantifizieren. Die beforschte  Gesellschaft in Baden ist ein Schwarzkiefernwald, dazu kommen die Felsenbirne und die Mehlbeere.

Beschreibung der Waldfläche

Die Mehlbeere steht zu dieser Zeit im September in voller Pracht. Die hellroten Früchte und ihre dunkelgrün-silbrigen Blätter leuchten atmosphärisch in der Morgenstimmung. Auch zum Teil durch Wild verbissene Eschen- und Eichenbäumchen findet man. Ein dichter Grasbewuchs überdeckt hier den Waldboden, dieser, zusammen mit dem flachgründigen Boden im Steillage sind Gründe, warum die jungen Bäume schwer aufkommen. Michael Weichselbaumer schlägt ein Metallrohr und einen Pflock in den Boden. Er dient zur langfristigen Kennzeichnung der Probefläche.

Als nächstes packt Weichselbaumer den Maßstab aus und versucht eine stabile Position im Steilhang einzunehmen. Das ist nicht ganz einfach. Es soll die Höhe der Humusauflage gemessen werden (siehe Foto). An diesem exponierten Standort auf etwa 400 Meter Seehöhe ist sie nur wenige Zentimeter dick, das darunterliegende Grundgestein wird sichtbar, sobald man etwas gräbt. Hier handelt es sich um Dolomit.

Sich selbst überlassen

Seit 2013 werden auf den Flächen des österreichischen Naturwaldreservate-Programms so genannte Wiederholungsaufnahmen durchgeführt. Damit sollen die Baumarten, die Bestandesstruktur und die Entwicklungsvorgänge auf diesen sich selbst überlassenen Waldflächen dokumentiert werden. Etwa: Wie verändert sich der Anteil des Totholzes, die Verjüngung, die Bodenvegetation, verschiedene Habitate und Stabilitätseigenschaften von Bäumen? Das Naturwaldreservate-Team nimmt diese Parameter auf einem permanenten Stichprobennetz auf. Somit entstehen Zeitreihen, die für analytische Vergleiche taugen. Wichtig ist: Die Methodik muss beibehalten werden.

Die Winkelzählprobe ist das statistische Herzstück der Erhebung. Sie erfolgt auf den Stichproben, deren Raster bereits bei der Begründung des Reservats angelegt wurde. Sie bildet die Basis für die Berechnung des Entgelts, das für die Außernutzungstellung der Waldfläche an die WaldbesitzerInnen erbracht wird. Sie ist ebenfalls grundlegend für Aussagen, die hinsichtlich der Entwicklung des Waldes getätigt werden.

Totholz hält den Kreislauf in Schwung

Wie viel stehendes und liegendes Totholz in diesem Naturwaldreservat vorhanden ist und in welchem Stadium es bereits zersetzt ist, bildet einen der zentralen Punkt bei den weiteren Erhebungen. Leicht stellt das Janine Oettel mithilfe eines Taschenmessers fest (siehe auch Lichtung XX, Faustformel). „Totholz hält den Kreislauf im Ökosystem Wald aufrecht. Für unzählige Artengruppen, wie Insekten, Spinnen und Pilze ist es ein unabdingbarer Lebensraum. Viel wird in der Forstwirtschaft diskutiert über die Forderung nach Totholz, meist auch deswegen, weil seine Wichtigkeit für die Biodiversität erkannt wird, es aber an konkreten Richtwerten für benötigte Totholzmengen mangelt“, sagt Janine Oettel über ihr Fachgebiet. Auch Baum-Mikrohabitate werden an lebenden und toten Bäumen „angesprochen“ – in Form von Höhlen für kleine Säugetiere und Vögel, Moosbewuchs am Stamm und Flechtenbewuchs in der Krone für die Insekten- und Spinnenvielfalt, sowie Spalten und Risse als Nachtquartiere für Fledermäuse.

Aufmerksam beobachtet

Während sich die Männer mit den Baumhöhen im Erhebungspunkt beschäftigen, nehmen sich die beiden Expertinnen einen definierten Punkt vor, auf dem sie weitere Indikatoren für Biodiversität in das Erhebungsprotokoll aufnehmen. Wie viele Pflanzenarten befinden sich auf diesem Stück? Wie setzt sich die Bodendeckung zusammen? Welche Baumarten kommen in der Verjüngung vor?

Sollten Sie jemals einen Nagel am Stammfuß eines Baumes finden, könnte es sein, dass ihn Biodiversitäts- oder Inventurtrupps hinterlassen haben. Sie helfen den ExperInnen sehr, wenn sie nach vielen Jahren diese Orte wieder aufsuchen, um die Probeflächen wieder aufzufinden.

Schließlich markiert der Trupp mit Farbe einen Baumstamm, um bei der nächsten Aufnahme, den Ort wieder exakt finden zu können. Es sind keine Schmierereien, es sind bunte Codes, die für die Fachwelt die Messung von Vielfalt im Wald ermöglichen.

Zur Person

Janine Oettel verfasst ihre Dissertation über Totholz in bewirtschafteten und nicht bewirtschafteten Wäldern. Sie setzt sich unter anderem mit der Frage auseinander, welche Faktoren die Totholz-Zersetzung beeinflussen und welche Auswirkungen der Klimawandel darauf hat. Die Arbeit entsteht gemeinsam mit den KollegInnen des Instituts für Waldinventur und des Instituts für Waldschutz. Betreut wird sie von Kollegen der Universität Wien und der WSL, dem Schweizer Pendant zum Bundesforschungszentrum für Wald (BFW).

Ausführliches Informationsmaterial zum Thema standardisierte Wiederholungsaufnahmen in Naturwaldreservaten findet sich in der BFW-Dokumentation 26, erhältlich im BFW-Webshop

Mehlbeere
Totholzexpertin Janine Oettel
Hier wird der Wildverbiss dokumentiert
Janine Oettel (rechts) mit ihrer Kollegin Gargi Tariyal
Unterwegs im Team in einem Naturwaldreservat in Baden