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Regenwürmer im Wald

Das neue Waldfonds-Forschungsprojekt WaldRegenwürmer untersucht erstmals systematisch die Vielfalt und ökologische Bedeutung von Regenwürmern in Österreichs Wäldern.

Wer an die Vielfalt des Waldes denkt, hat meist imposante Baumkronen oder scheue Wildtiere vor Augen. Doch die wahre Schaltzentrale des Waldökosystems liegt im Verborgenen: unter unseren Füßen. Hier agieren Regenwürmer (Lumbricidae) als unverzichtbare „Ökosystemingenieure“. Als prominente Vertreter der sogenannten Makrofauna – jener Gruppe von Bodentieren, zu der auch Tausendfüßer, Asseln und Spinnen gehören – übernehmen sie eine Schlüsselrolle. Sie sind weit mehr als nur Bioindikatoren für die Bodenqualität; sie gestalten ihren Lebensraum aktiv, indem sie die Bodenstruktur auflockern, den Gas- und Wasserhaushalt regulieren und maßgeblich beeinflussen, wie effektiv organische Substanz im Boden gespeichert wird.

Die Arbeit dieser unterirdischen Baumeister geht weit über bloßes Graben hinaus. Durch ihre unermüdliche Verarbeitung von organischem Material und das Anlegen horizontaler und vertikaler Tunnel fördern sie den Luftaustausch und die Nährstoffverfügbarkeit für die gesamte Pflanzengemeinschaft. Gleichzeitig bilden sie eine essenzielle Nahrungsgrundlage für zahlreiche Wirbeltiere und steuern über komplexe Wechselwirkungen die Zusammensetzung der gesamten Bodenfauna. Kurz gesagt: Ohne die koordinierte Grabtätigkeit dieser Würmer würde das Funktionieren des Ökosystems Wald ins Stocken geraten.

Trotz dieser fundamentalen Leistungen blieb der Boden als Lebensraum lange Zeit ein blinder Fleck im Naturschutz. Während oberirdische Arten genau beobachtet werden, wurde die Bodenbiodiversität bisher kaum in systematische Monitoring- oder Schutzmaßnahmen einbezogen. Das ist paradox, da Böden zu den artenreichsten Lebensräumen der Erde zählen und schätzungsweise über 50 % aller weltweit bekannten Arten beherbergen. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels, der auch dem Bodenleben zunehmend zusetzt, wird es immer dringlicher, die „blinden Flecken“ in unserer Bodenkarte zu füllen und die komplexen Funktionen der Regenwürmer im Wald besser zu verstehen.

Die Auswirkungen von Umweltveränderungen durch den Klimawandel treffen die einzelnen Arten vermutlich sehr unterschiedlich. Um diese Effekte zu verstehen, ist eine exakte Artbestimmung unerlässlich. Von den rund 60 in Österreich nachgewiesenen Regenwurmarten wird etwa die Hälfte in unseren Wäldern erwartet, wobei die genaue Anzahl der Waldspezialisten noch Gegenstand aktueller Forschung ist.

Diese Vielfalt spiegelt sich in den höchst unterschiedlichen Lebensraumansprüchen wider: Während die der zirka 4 Zentimeter lange Dendrobaena octaedra als robuster Spezialist selbst bodensaure Standorte wie Moore besiedelt, bevorzugt der bis zu acht Zentimeter lange Smaragdgrüne Regenwurm (Aporrectodea smaragdina) feuchte, kalkreiche Mull-Standorte und Totholz. Weit verbreitet ist zudem der Rote Waldregenwurm (Lumbricus rubellus), der als epigäische Art die Streuschicht und vermodernde Baumstümpfe bewohnt.

Doch trotz ihrer Bedeutung ist das Wissen über die genaue Artenverteilung in Österreichs Wäldern lückenhaft – eine Wissenslücke, die das neue Projekt „WaldRegenwürmer“ nun schließt. In einer Kooperation zwischen der BOKU University (Institut für Zoologie) und dem Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) wird von Januar 2026 bis Oktober 2028 das erste standardisierte Monitoring der Regenwurmfauna über verschiedene Waldtypen und Wuchsgebiete hinweg etabliert. Gefördert durch den Österreichischen Waldfonds (Maßnahme 10: Förderung der Biodiversität im Wald), kombiniert das Team klassische Morphologie mit modernem eDNA-Metabarcoding, um nicht nur Würmer, sondern auch assoziierte Bodentiere wie Springschwänze und Milben zu erfassen. Ziel ist es, die Schlüsselfaktoren für eine gesunde Bodenfauna zu identifizieren, Regenwurmarten hinsichtlich ihres Gefährdungsgrades in die Rote Liste der Regenwürmer Österreichs einzubringen und praxisrelevante Empfehlungen für eine bodenschonende Waldbewirtschaftung abzuleiten.

Vielleicht bietet der World Earthworm Day am 21. Oktober den passenden Anlass, um selbst einmal einen Blick in den Waldboden zu werfen und diese faszinierende Welt der Regenwürmer zu entdecken.

PROJEKTDATEN

WF M10 / Antragsnr. BMLRT/III-2025-M10/6 (FAI.108) – Vorhaben „WaldRegenwürmer“

Laufzeit: 34 Monate (Beginn 01/2026 – Ende 10/2028)

Ansprechpartner für Rückfragen: